Treulose Tomate

Wenn wir jemanden als “treulose Tomate” bezeichnen, ist unser Gegenüber höchstwahrscheinlich nicht mit großer Loyalität gesegnet, hat ein Versprechen gebrochen oder war uns untreu. Die Redewendung stammt sehr wahrscheinlich aus den Zeiten des ersten Weltkriegs. Das Königreich Italien war lange vor dem Krieg ein Verbündeter von Deutschland und Österreich-Ungarn. Statt im Krieg jedoch die versprochene Unterstützung zu leisten, schlugen sich die Italiener 1915 auf die Seite der Alliierten und ließen ihre ehemaligen Verbündeten “treulos” im Stich.

Da der Tomatenanbau in Italien schon damals weit verbreitet war, assoziierte man die rote Frucht mit den Landsleuten. Zudem war der Anbau von Tomaten nicht sehr verlässlich, da die Kultivierung noch recht jung war und man trotz guter Pflege nicht ausschließen konnte, Ernte-Rückschläge in Kauf nehmen zu müssen. So entstand die Analogie zwischen den treubrüchigen Italienern und dem unzuverlässigen Tomatenanbau.[1]

Tomaten auf den Augen haben

Wir stehen mit unserem Auto an der Ampel. Sie schaltet auf grün, doch das Auto vor uns will einfach nicht losfahren. “Hat da etwa jemand Tomaten auf den Augen?”, fragen wir uns, weil die Person das eigentlich Offensichtliche nicht bemerkt. Woher diese Redewendung stammt, ist strittig. Im Wesentlichen gibt es drei wilde Theorien, die versuchen, die Herkunft der Redensart zu erklären.

Junge hält sich Tomaten vor die Augen

Du hast wohl Tomaten auf den Augen!

Die erste Theorie bezieht sich auf das genannte Ampel-Beispiel. Damals, als Ampelanlagen noch recht neu im Straßenverkehr waren, standen oftmals Verkehrspolizisten bei den Ampeln. Wenn manche Autofahrende bei grün nicht losfuhren, rief die Polizei: “Sie haben wohl Tomaten auf den Augen!”, weil die Fahrerinnen oder Fahrer scheinbar immer noch das rote Ampellicht vor Augen hatten.

Die zweite Theorie geht auf geschwollene und gerötete Augen zurück, wenn wir zum Beispiel nicht viel geschlafen oder uns eine Erkältung eingefangen haben. In dieser Stimmung sind wir für gewöhnlich auch weniger zurechnungsfähig und nicht so aufmerksam wie im wachen oder gesunden Zustand, sodass wir manche Dinge nicht wahrnehmen.[2]

Die dritte und wildeste Theorie geht zurück ins späte Mittelalter. In Spanien galt die Tomate zu dieser Zeit als Frucht der Sünde. Menschen, die damals für Delikte wie Diebstahl oder Ehebruch verurteilt werden sollten, erhielten ihr Urteil angeblich mit den Worten “Tomates en los ojos!”, was übersetzt “Tomaten auf die Augen!” bedeutet. Es wird behauptet, dass den Verbrechern daraufhin Tomaten vor die Augen gebunden wurden, mit welchen sie wochenlang in der Stadt zur öffentlichen Demütigung herumlaufen mussten. Da die auf die Augen gebundenen Tomaten immer wieder für Peinlichkeiten und kleinere Unfälle der Verurteilten sorgten, wurden sie von den anderen Einwohnern spöttisch betrachtet: Als die, die das Offensichtliche nicht sehen können.[3] Welcher Theorie du Glauben schenken möchtest, bleibt dir überlassen!

 

Na, auf den Geschmack gekommen?

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Quellen: [1] [2] [3]

 

Autorin Carla: Als Werkstudentin bei phase6 und eine der Hauptverantwortlichen des Online-Magazins verfasse ich regelmäßig Artikel für das phase6 Magazin und das Magazin für Lehrkräfte. Mit besonderer Vorliebe widme ich mich spannenden Themen rund um die Psychologie des Lernens in Theorie und Praxis.