Als Lehrkraft gehört es zu Ihrem Job, täglich unzählige Fragen von Lernenden zu beantworten. Das Antworten und Erläutern gehört sozusagen zu Ihren Kernkompetenzen. Genau diese wollen wir nutzen – nur stellen hier nicht die Schülerinnen und Schüler die Fragen, sondern Erwachsene.

Sie selbst wissen, wie wichtig der regelmäßige Austausch im Kollegium für Ihre persönliche Entwicklung ist. Mit der Serie “Nachgefragt!” möchte phase6 Lehramtsstudierenden, Personen im Referendariat und ausgebildeten Lehrkräften eine Plattform bieten, in der ein Austausch über essentielle Fragen zum Lehrberuf stattfinden kann. 

Wir fragen – Lehrkräfte antworten.

Dieses Mal zur Frage:

„Wie motivieren Sie Ihre Schülerinnen und Schüler zum eigenständigen Lernen?“

 

Lydia unterrichtet Englisch und Französisch an einer Berliner Grundschule.

Motivation ist unabdingbar beim Lernen. Leider spielt häufig die extrinsische Motivation eine größere Rolle und der Aspekt „gute Note“ steht hierbei an erster Stelle. Schülerinnen und Schüler sollten sich jedoch bewusst machen, dass sie für das Leben lernen sollen. Dafür frage ich die Klasse immer wieder: Wofür ist das wichtig? Wann braucht man zum Beispiel diese Zeitform? In welcher Situation könnte euch dieser Wortschatz weiterhelfen? Was nehmt ihr aus dieser Stunde an Wissen für das alltägliche Leben mit? Die Alltagsrelevanz wird dadurch verdeutlicht und das Unterrichtsthema für die Lernenden greifbar gemacht. Ich bin der Meinung, dass Reflexion für das eigenständige Lernen sehr wichtig ist und der Klasse immer wieder verdeutlicht werden muss, warum bestimmte Aufgaben oder Methoden gut liefen, was die Ursache war, dass es mal nicht gut läuft und wie sie zum Ergebnis kamen. Eine solche Selbstreflexion rege ich zum Beispiel mit der Frage an, wie sie zum Stundenziel gekommen sind.

Um die intrinsische Motivation der Schülerinnen und Schüler zu wecken, müssen sie sich für den Lerninhalt interessieren und mit in den Stundenablauf einbezogen werden. Ich verwende deshalb gern offene Aufgabenformate, zum Beispiel einen Arbeitsplan in Vorbereitung auf die Klassenarbeit. So können die Schülerinnen und Schüler die zu bearbeitenden Aufgaben selbst wählen oder in einer beliebigen Reihenfolge bearbeiten. Offenes Lernen fördert die Selbstständigkeit und motiviert die Lernenden für das eigenständige Lernen.

Im Fremdsprachenunterricht zeige ich meinen Lernenden verschiedene Methoden zum selbstständigen Vokabellernen, sodass unterschiedliche Lernvorlieben angesprochen werden. Es hilft auch, die Schülerinnen und Schüler selbst berichten zu lassen, wie sie Vokabeln lernen oder sich auf die Klassenarbeit vorbereiten.

Der Einsatz von authentischen Materialien – zum Beispiel Werbeprospekte bei der Erarbeitung des Wortschatzes, Lieder oder YouTube-Videos – fördert ebenfalls die Motivation bei meinen Klassen. Belohnungssysteme funktionieren zwar ebenfalls gut (besonders in der Grundschule), fördern jedoch nicht die intrinsische Motivation zum selbstständigen Lernen und sollten meiner Meinung nach nur begrenzt verwendet werden.

Alexandra unterrichtet an einer Grundschule und ist als Bildungskoordinatorin in Niedersachsen tätig.

Motiviert sind Schülerinnen und Schüler oftmals, wenn Lehrkräfte ihnen so genannte „Resonanzerfahrungen“ ermöglichen, wie die Autoren Rosa und Endres berichten.[1] Also immer dann, wenn sie sich selbst in ihren Erfahrungen, in ihrer Welt sowie in ihrer Persönlichkeit angesprochen fühlen. Rosa und Endres sprechen dann von einem „Knistern“, das im Klassenraum zu spüren ist. Wir Lehrkräfte kennen das auch noch aus unserer eigenen Schulzeit. Immer dann, wenn Lerninhalte bedeutsam wurden – immer dann, wenn eine Lehrkraft es persönlich schaffte, uns für Inhalte zu begeistern, dann war der Funke übergesprungen.

Genau dies empfinde ich als Schlüssel für Motivation. Wenn es uns Lehrkräften gelingt, die Schülerinnen und Schüler in ihrer Persönlichkeit individuell anzusprechen, dann sind sie motiviert. Dazu gehört es, dass wir mit ihnen in Beziehung treten und uns auf sie und ihre Erfahrungswelt einlassen. Wir sollten anfragen, was für sie bedeutsam ist – und nicht nur Wissen abfragen.

Wichtig ist, dass wir die Kinder und Jugendlichen in ihren Lernprozess einbeziehen und mit ihnen reflektieren, an welchen Inhalten sie gezielt weiterarbeiten möchten – und ihnen dann unter Einbezug einer Methodenvielfalt individuelle Möglichkeiten hierfür bieten. Der eine Schüler wird lieber ein Referat mithilfe eigener Recherche erarbeiten, eine andere Schülerin lernt, indem sie ein Experiment selbst durchführt und sich dabei konkret an eine Versuchsanleitung hält, andere Schülerinnen und Schüler bearbeiten lieber Arbeitsblätter im eigenen Tempo.

[1] Rosa, Hartmut & Endres, Wolfgang (2016): Resonanzpädagogik. Wenn es im Klassenzimmer knistert. Beltz Verlag.

Franziska unterrichtet seit August 2019 an einem Berliner Gymnasium Englisch und Deutsch.

Eigenständiges Lernen kann nur initiiert werden, wenn Schülerinnen und Schüler Freude und Interesse, aber auch ein Verständnis für den Lerngegenstand haben. Spaß und Interesse steigern sich meiner Erfahrung nach, indem die Lernenden so oft es geht in das Lerngeschehen, zum Beispiel in Form der Themenauswahl, miteinbezogen werden. So erkennen die Heranwachsenden zum einen, dass ihre Meinung zählt und zum anderen wird ihnen so vermittelt, dass es in der Schule nicht immer nur um das „Abhaken“ diverser Lerninhalte geht.

Verständnis und Nachvollziehbarkeit können insbesondere durch explizite Hinweise oder Veranschaulichungen durch die Lehrkraft veranlasst werden. Stellen wir uns die Vermittlung des if-clause type 3 im Englischunterricht vor, so wird ein Großteil der Schülerinnen und Schüler bei dessen Einführung demotiviert sein, da es sich um ein grammatisches Phänomen handelt und sich ihnen zumeist die Sinnhaftigkeit dessen zunächst nicht ergibt.

Um jedoch zu verstehen, weshalb diese Form gelernt und wie sie warum auf diese Art und Weise gebildet wird, lasse ich die Schülerinnen und Schüler gern anfangs Sätze in dieser Form (in diesem Fall if-clause type 3) übersetzen. Obwohl das grammatische Phänomen bis dahin zumeist allen unbekannt war, können sie intuitiv einen Großteil der Sätze übersetzen und verstehen – nicht nur lernen sie induktiv; sie entwickeln auch ein größeres Sprachgefühl und entdecken auf ihre eigene Art und Weise Ähnlichkeiten oder Unterschiede und begegnen dem Lerninhalt aufgrund des anfänglichen Erfolgserlebnisses mit größerer Motivation.

Und was ist mit Ihnen?

Wie würden Sie die oben stehenden Fragen für sich beantworten? Die Antworten der Autorinnen und Autoren spiegeln ihre jeweiligen Erfahrungen und Standpunkte wider. Vielleicht haben Sie eine ganz andere Perspektive auf die Dinge oder gar gegenteilige Erfahrungen gemacht. Falls Sie weitere Anmerkungen, konstruktives Feedback oder Fragen zum Beitrag haben, schreiben Sie uns gerne über das Kontaktformular ganz unten auf der Seite.

In der zweiten Ausgabe von “Nachgefragt!” widmen sich die Schreibenden der Frage “Welche Hilfsmittel nutzen Sie zur Differenzierung im Unterricht?” und gewähren Einblicke in ihre persönlichen und beruflichen Methodenkisten im Schulbereich.

Möchten Sie weitere spannende Beiträge rund um Schule, Lehren und Lernen lesen? Dann besuchen Sie das phase6 Magazin für Lehrkräfte und lassen Sie sich inspirieren!

Möchten Sie mehr über die Personen hinter den Antworten erfahren?
Lydia

Lydia hat die Fächer Englisch und Französisch in Potsdam auf Lehramt (Grundschule und Sekundarstufe I) studiert und zwei Semester in Frankreich im Rahmen des Erasmusprogramms verbracht. Neben dem Studium absolvierte sie viele Praktika und Nebenjobs im schulischen und außerschulischen Bereich. Durch das Leiten von Lern- und Sprachförderungen an Berliner Grundschulen, durch Methodenworkshops und den Einsatz als Sprachlernassistenz in einer Willkommensklasse sowie im Praxissemester an der Deutschen Schule in Genf konnte sie erste Praxiserfahrungen sammeln. Das Referendariat, welches Lydia an einer ISS mit gymnasialer Oberstufe absolvierte, prägte sie sehr. Die Höhen und Tiefen im Vorbereitungsdienst stärkten die junge Lehrerin in ihrer Lehrpersönlichkeit und sorgen nun für Vorfreude auf den Schulalltag als ausgebildete Lehrkraft in Berlin ab dem Schuljahr 2019.

Alexandra

Alexandra von Plüskow-Kaminski arbeitet seit über 20 Jahren als Lehrerin. Zurzeit ist sie an der Grundschule in Deutsch Evern und in Abordnung des Landes Niedersachsen als Bildungskoordinatorin der Bildungslandschaft Heidekreis tätig. Darüber hinaus verfasst sie als Fachjournalistin Texte für verschiedene Magazine und Verlage und war mehrere Jahre lang in der Lehrerinnen- und Lehrerausbildung aktiv. Die Mutter von zwei schulpflichtigen Söhnen kennt Schule aus der Sicht einer Lehrkraft und der eines Elternteils. Beide Perspektiven fließen in ihre beratenden Texte ein. So auch in ihre Artikel zum Thema Elterngespräche und zum Übergang auf weiterführende Schulen im phase6 Magazin für Lehrkräfte.

Franziska

Nach dem Master of Education an der Humboldt-Universität zu Berlin startet Franziska im neuen Schuljahr 2019 in den Vorbereitungsdienst an einem Berliner Gymnasium. Die Liebe zu ihren Fächern Deutsch und Englisch verstärkte sich insbesondere durch diverse Auslandsaufenthalte (Erasmus in England, Schulpraktika an der Deutschen Schule in Rio de Janeiro und der Deutschen Schule in Porto) und Praktika im Goethe-Institut und einer privaten Sprachschule. Dank dieser verschiedenartigen Kulturkreise und Schul- und Unterrichtsformen sowie ihres studentischen Nebenjobs bei “Studenten machen Schule” und “Schule Plus” konnte Franziska bereits viele Unterrichtserfahrungen sammeln. All diese Erfahrungen steigern ihre Vorfreude auf das Referendariat und den Lehrberuf.

Haben Sie Anmerkungen oder Feedback zur Ausgabe #1 von "Nachgefragt"?

10 + 9 =