Einstellungen beeinflussen unsere Leistung

“You can make it happen – you can make it real!” – Wir müssen nur fest genug an uns glauben, dann können wir alles erreichen! Ist das so? Die Forschung sagt: Ja, unter gewissen Bedingungen…

Unser Geist ist ein mächtiges Werkzeug. Einige der Überzeugungen und Einstellungen, welche wir uns im Laufe unseres Lebens aneignen, scheinen größere Effekte auf unsere Motivation, Leistungen und Erfolgswahrscheinlichkeiten zu haben, als so mancher glauben mag. Jene Mindsets, die wir meist unterbewusst konstruieren und verfeinern, können uns auf gewisse Art und Weise “lenken”. Sie fungieren sozusagen als implizite Wegweiser für unsere Emotionen und Gedanken, welche wiederum unsere Handlungen beeinflussen. Die Kraft der Gedanken und das mentale Setting, welches wir uns konstruieren, sorgen beispielsweise dafür, dass es einigen Patienten nach der Einnahme eines Placebo-Medikaments tatsächlich nachweislich besser geht. Der Placebo-Effekt beruht auf psychologischen Mechanismen. Alle wirksamen Effekte der eigentlich wirkungslosen Medikamente auf Testpersonen verschiedenster Studien [1] sind mit dem bloßen Glauben an die Wirksamkeit bestimmter Maßnahmen zu erklären. Waren die Testpersonen von der heilenden Wirkung überzeugt, war die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass die gewünschte Wirkung tatsächlich eintrat. Die feinen Komponenten unserer Psyche können also eine starke Wirkung auf unsere Physis haben. So beeinflussen Überzeugungen unsere Wahrnehmung, unser Realitätserleben.

Wie unsere individuellen Mindsets in verschiedenen Bereichen aussehen und aus welchen Eindrücken und Erfahrungen sie sich sukzessive zusammengesetzt haben, können wir in den meisten Fällen nicht genau rekonstruieren. Oder könntest du genau erklären, warum du einfach keine kreative Ader oder es nicht so mit dem logischen Denken hast? Der Aneignungsprozess läuft unterbewusst ab und ist demzufolge nahezu unkontrollierbar. Es sind Sinneseindrücke unserer Umgebung und Erfahrungen mit unseren Bezugspersonen und Mitmenschen, die unsere Einstellungen, unser Selbstkonzept und unsere Zielsetzungen prägen. Und es sind auch jene Einflüsse, die unsere Intelligenz beeinflussen können. Noch klingt das alles recht abstrakt und wenig greifbar. Gehen wir also in die Tiefe: Wie wirken sich unsere Mindsets genau auf unsere zukünftigen Ziele und Leistungen aus? Und können wir diese unterbewussten Prozesse vielleicht doch steuern?

Selbstversuch

Machen wir zunächst einen kurzen Selbstversuch [2]. Nimm dir einen Zettel und einen Stift zur Hand, damit du dir deine Antworten nicht merken musst. Los geht’s:

Denke an deine eigene Schulzeit zurück. Stelle dir zunächst ein Schulfach vor, das du gar nicht mochtest und in dem du viele Misserfolgserlebnisse hattest. Beantworte, inwieweit die folgenden Aussagen auf dich in diesem Schulfach zutrafen und notiere dir deine Antworten.

Verzweifelter Schüler über Schulbüchern

“In diesem Fach ging es mir darum…”
1. neue Ideen zu bekommen
2. nicht durch dumme Fragen aufzufallen
3. keine falschen Antworten auf Fragen zu geben
4. so viel wie möglich zu lernen
5. Aufgaben zu vermeiden, bei denen sich herausstellen könnte, dass ich schlechter bin als andere
6. etwas Interessantes zu lernen

[1= trifft überhaupt nicht zu; 5= trifft völlig zu]

 

Stelle dir nun ein Fach aus der Schule vor, das du sehr gerne mochtest und in dem du viele Erfolgserlebnisse hattest. Beantworte wiederum, inwieweit die sechs Aussagen auf dich in diesem Schulfach zutrafen und notiere deine Antworten.

Schülerin ist begeistert von Chemie“In diesem Fach ging es mir darum…”
1. neue Ideen zu bekommen
2. nicht durch dumme Fragen aufzufallen
3. keine falschen Antworten auf Fragen zu geben
4. so viel wie möglich zu lernen
5. Aufgaben zu vermeiden, bei denen sich herausstellen könnte, dass ich schlechter bin als andere
6. etwas Interessantes zu lernen

[1= trifft überhaupt nicht zu; 5= trifft völlig zu]

 

Gibt es Unterschiede darin, wie du beide Fragensets beantwortet hast?

Wahrscheinlich ist:

• In einem Fach, das wir mit Misserfolgen verbinden, entwickeln wir eher eine Leistungszielorientierung (zeigt sich in der Zustimmung zu den Fragen 2., 3., 5.).
• In einem Fach, das wir mit Erfolgen verbinden, entwickeln wir eher eine Lernzielorientierung (zeigt sich in der Zustimmung zu den Fragen 1., 4. und 6.).

Jene Zielorientierungen lassen sich von den gewählten Schulfächern im Selbstversuch auch auf Ziele im alltäglichen oder beruflichen Leben übertragen. Sie können Aufschluss über unsere Einstellungen, Selbstkonzepte und zukünftige Leistungen in unterschiedlichen Domänen geben. Und sie verraten uns, dass Talent und Begabung für das Erlernen von Fähigkeiten nicht allein ausschlaggebend sind.

Mindsets und Zielsetzungen

Eine Zielorientierung macht sich in verschiedenen Bereichen bemerkbar. Dazu zählt unter anderem das persönliche Ziel, welches wir mit einer bestimmten Handlung verfolgen (siehe Selbstversuch) und die Reaktion auf bzw. die Einstellung zu Rückmeldungen zu unseren Leistungen (beispielsweise ein Feedback vom Chef oder den Kollegen). Weiterhin spielt die Bezugsgruppe, mit der wir uns vergleichen oder verglichen werden eine große Rolle. Zu guter Letzt hat unser persönliches Verständnis von Intelligenz und Fähigkeiten nachgewiesenen Einfluss auf unsere Leistung und Motivation.

Wo hast du eine Lernzielorientierung entwickelt?

Bist du auf einem bestimmten Gebiet eher lernzielorientiert, hast du dir bei der Durchführung von Handlungen (Aufgabenerledigungen etc.) den persönlichen Lernzuwachs und deine Kompetenzsteigerung zum Ziel gesetzt. Es ist also deine Priorität, aus bestimmten (zweckmäßigen) Tätigkeiten, etwas Lehrreiches mitzunehmen – auch, wenn das bedeuten könnte, Fehler zu machen oder Rückschläge zu erleben. Rückmeldungen zu deinen Leistungen empfindest du als wertvolle Information, die für deinen Lernzuwachs große Relevanz haben kann. Ein konstruktives Feedback betrachtest du demnach als willkommene Lerngelegenheit.

Mann malt eine Steigerungskurve

Bei der Selbstbewertung deiner eigenen Leistung setzt du den Bewertungsmaßstab vornehmlich bei dir selbst oder offiziellen Kriterien an. Du vergleichst deine Leistung also entweder mit deiner eigenen Lernentwicklung (“Im Vergleich zu meinen letzten Leistungen in diesem Bereich habe ich mich verbessert / verschlechtert.”) oder du hast die Möglichkeit, dich an allgemeinen Gütekriterien zu messen, wenn du beispielsweise einen Leistungstest absolviert hast und dein Testergebnis im Vergleich zur erreichbaren Höchstpunktzahl betrachtest. Fähigkeiten und Intelligenz erlebst du als veränderbar und du bist überzeugt von der Annahme, dass sich Fähigkeiten durch regelmäßiges Lernen stark entwickeln können (z.B. Zeichnen lernen durch regelmäßiges Üben, Teilnahme an Malkursen, Workshops etc.).

Wir sehen, eine Lernzielorientierung skizziert das absolute Optimum für jegliche Lernprozesse. Der Lerner ist intrinsisch motiviert und geht optimistisch an neue Themen und Herausforderungen heran. Die Informationsverarbeitung gelingt aufmerksam, effektiv und langfristig mit Aussicht auf Erfolg. Doch wäre es utopisch anzunehmen, dass ein Mensch in allen Bereichen des Lebens so positiv agiert. In jedem von uns steckt auch das negative Pendant: die Leistungszielorientierung.

In welchen Bereichen bist du eher leistungszielorientiert?

Eine Leistungszielorientierung macht sich durch gegensätzliche Wahrnehmungen bemerkbar. Bist du in einem bestimmten Bereich eher leistungszielorientiert, liegt deine primäre Lernintention darin, dein Können vor anderen entweder zu demonstrieren oder aber dein Nichtkönnen zu verbergen, um sich einer eventuellen Bloßstellung zu entziehen. Dein persönlicher Lernzuwachs spielt hier kaum eine Rolle. Ein bekanntes Beispiel aus der Schule ist unter anderem das sogenannte “Bulimie-Lernen”: das nötige Wissen für einen Test wird innerhalb kürzester Zeit auswendig gelernt (‘hineingestopft’), während der Prüfung ‘ausgespuckt’ und danach meist sofort wieder vergessen. Eine sehr ineffektive und oberflächliche Art zu lernen, mit der allerdings viele Lernende an Schulen und Universitäten ihre Leistungstests bestreiten. Dies ist angesichts der mitunter gigantischen Mengen an Lernstoff und den hohen Leistungsanforderungen auch nicht verwunderlich. Es herrscht oft ein gewaltiger Konflikt zwischen den voraussprintenden Bildungsansprüchen und dem eigentlich langwierigen Prozess des tiefergreifenden Lernens.

Mann schaut bei Konkurrenz auf den Bildschirm

Zurück zu den Zielorientierungen. Dort, wo du eine Leistungszielorientierung entwickelt hast, liegt der Maßstab für deine Selbstbewertung nicht bei deiner eigenen Entwicklung, sondern bei den Leistungen der Menschen in deiner jeweiligen Bezugsgruppe. So misst du deine Leistungen in deinem Arbeitsumfeld beispielsweise an denen deiner Kollegen. Oder ein Schüler bewertet seine Leistungen lediglich im Vergleich mit den Noten seiner Mitschüler. Diese soziale Bezugsnorm sorgt dafür, dass Konkurrenzdenken begünstigt wird, was für die Leistungsmotivation nicht per se schlecht ist. Sie sorgt aber auch dafür, dass du dir unrealistische Ziele setzt, da du lediglich Fähigkeitsunterschiede zwischen dir und anderen fokussierst, anstelle deiner eigenen Entwicklung.

Dort, wo du leistungszielorientiert handelst, erlebst du Feedback zu deinen Leistungen häufig als bedrohlich, was mit deiner Einstellung zu deinen eigenen Fähigkeiten auf einem bestimmten Gebiet einhergeht. Diese empfindest du mit einer Leistungszielorientierung nämlich als statisch, als nicht veränderbar.

Mann fühlt sich hilflos und schwach

Hast du dich beispielsweise schon einmal dabei erwischt, Sätze wie “Ich bin einfach nicht gut darin.”; “Ich bin zu dumm dafür.” oder “Ich werde das nie lernen.” gesagt zu haben? Das kommt vor und resultiert meist aus fehlendem Interesse für eine bestimmte Tätigkeit. Demnach sind oft keine tiefgreifenden Folgen zu erwarten. Hast du jene negativen Mantras allerdings verinnerlicht und noch dazu in einem Bereich, der dich eigentlich interessiert oder dessen Beherrschung für deine Position von Nöten ist, können die Folgen weitreichend sein. Sie reichen in dem Fall von der Stagnation deiner Fähigkeiten über sich häufende Misserfolge bis hin zur Schädigung deines Selbstwertgefühls und – im schlimmsten Fall – damit einhergehenden Depressionen und gefühlter Hilflosigkeit.

Erfolg oder Misserfolg, das ist hier die Frage…

Grundsätzlich tragen alle Menschen beide Arten der Zielorientierung in sich. Wie präsent welche Orientierung ist und wie stark sie sich die Effekte bemerkbar machen, variiert je nach Fachbereich bzw. Tätigkeitsfeld. Zielorientierungen entstehen nicht aus dem Nichts. Sie sind – wie die meisten unserer Einstellungen – erfahrungsbasiert und durch positive oder negative Emotionen geprägt. Aus (leistungsbezogenen) Erfahrungen konstruieren wir uns allmählich unser Selbstkonzept eigener Fähigkeiten. Der springende Punkt für unsere Selbstbewertung ist die Attribution der Ereignisse, also unsere Annahmen über mögliche Ursachen unserer Erfolge oder Misserfolge. Auch diese Annahmen und Überzeugungen fließen direkt in unser Selbstkonzept ein. Jenes Selbstkonzept hat wiederum einen weitläufig unterschätzten Einfluss auf unsere Erfolge oder Misserfolge – sei es im Kontext der Arbeit, der Schule oder des Alltags.

Die Macht des Selbstkonzepts

Das Selbstkonzept ist sozusagen ein inneres Abbild der eigenen Person. Es wird sowohl durch Introspektion (Selbstbeobachtung) als auch durch die Interaktion mit anderen erworben. Unser Selbstkonzept ist kein einheitliches Konstrukt, sondern beinhaltet mehrere Dimensionen. Dazu zählt beispielsweise das akademische Selbstkonzept, also das Selbstbild, welches wir im Bezug auf schulische Fähigkeiten entwickeln. Außerdem kommen noch das soziale, emotionale und physische Selbstkonzept hinzu. Es spielen also mehrere Ebenen eine Rolle, die sich untereinander nicht klar voneinander abgrenzen lassen. Stell dir vor, du legst eine Tabelle an, auf der du in der linken Spalte deine Stärken und rechts deine Schwächen notierst. Versuche dabei alle vier Ebenen – also akademisch, sozial, emotional und physisch – so detailgetreu wie möglich zu betrachten und aufzugliedern. Die fertige Tabelle spiegelt sozusagen dein Selbstkonzept wieder, wenn auch nur grob skizziert.

Mann malt sich selbst aus

Neben der Intelligenz und spezifischem Vorwissen ist unser Selbstkonzept laut den Wissenschaftlern Marsh und Craven einer der wichtigsten Prädiktoren für (schulische und berufliche) Leistungen [3]. Unser Selbstbild hat demnach größere Effekte auf die Leistungsmotivation und zukünftige Erfolge bzw. Misserfolge als Noten oder sonstige Leistungsbeurteilungen von außen. Das legt die Schlussfolgerung nahe, dass wir unsere Leistungsentwicklung selbst in der Hand haben und höchst persönlich an unseren Einstellungen arbeiten können.

Die oben erläuterten Zielorientierungen hängen sehr eng mit unserem Selbstkonzept zusammen. Sie stehen sozusagen in einer ständigen Wechselwirkung zueinander und beeinflussen sich gegenseitig. So wie unsere Zielorientierungen weist das Selbstkonzept – je nach Bereich oder Tätigkeit – ambivalente Züge auf. Pauschal lässt sich sagen, dass ein positives Selbstkonzept Hand in Hand mit einer (optimalen) Lernzielorientierung geht, während sich ein negatives Selbstkonzept in Bereichen mit einer Leistungszielorientierung bemerkbar macht.

Die Psychologin Carol Dweck spricht in diesen Fällen von “Growth Mindsets” (zu deutsch: dynamisches Selbstbild) und “Fixed Mindsets” (zu deutsch: statisches Selbstbild). Mit ihrer Forschung zu Theorien über die Veränderbarkeit von Intelligenz und Fähigkeiten sorgte sie vor einigen Jahren für Aufsehen.

 Zwei Mindset-Kategorien

Fixed Mindsets 

(statisches Selbstbild)

Growth Mindsets

(dynamisches Selbstbild)

Definition Glaube, dass Intelligenz und Fähigkeiten angeboren und durch genetische Faktoren festgelegt sind. Glaube, dass Intelligenz und Fähigkeiten flexibel sind und sich durch Üben verändern und entwickeln können.
Fähigkeiten & Intelligenz …sind nicht veränderbar. …sind veränderbar.
Zielorientierung Leistungszielorientierung Lernzielorientierung
Erfolgsorientierung Misserfolgsorientierung: Misserfolge werden als wahrscheinlicher erachtet als Erfolge. Erfolgsorientierung: Erfolge werden als wahrscheinlicher erachtet als Misserfolge.
Risikowahl zu leichte oder zu schwere Aufgaben – unrealistische Selbsteinschätzung mittelschwere Aufgaben/Herausforderungen – realistische Selbsteinschätzung
Erfolge & Misserfolge …werden auf eigene, nicht veränderbare Fähigkeiten zurückgeführt: „Ich kann das einfach nicht.“ …werden auf die eigene Anstrengung zurückgeführt: „Ich habe mich nicht genügend angestrengt.“
Motivation …sinkt und kann zu Resignation führen. …steigt mit zunehmenden Herausforderungen.

Carol Dwecks Mindset-Studie

Dweck und ihre Kollegen wollten herausfinden, welchen Einfluss Rückmeldungen und Lob auf die Leistungsentwicklung von Kindern haben. An der Studie nahmen insgesamt 400 Schülerinnen und Schüler aus unterschiedlichen Teilen der USA teil. Insgesamt mussten alle Teilnehmer vier verschiedene Tests absolvieren, zu welchen sie jeweils unterschiedliche Formen von Rückmeldungen erhielten.

Erste Testphase

Zu Beginn machten alle Kinder unter gleichen Voraussetzungen den gleichen Test – einen sehr einfachen, nonverbalen IQ-Test mit insgesamt 10 Fragen. Nach der Beantwortung der Fragen wurden die Kinder auf zwei verschiedene Arten gelobt: Die erste Gruppe wurde für ihre Intelligenz gelobt (“Super! Du scheinst sehr geschickt zu sein!”). Die zweite Gruppe wurde hingegen ihre Anstrengung gelobt (“Super! Du scheinst dich sehr angestrengt zu haben!”).

Zweite Testphase

Im Anschluss erhielten beide Gruppen zwei Optionen für den nächsten Test. Die Kinder konnten nun zwischen einer schwereren und einer einfachen Testvariante wählen. Sie mussten sich also entscheiden, ob sie die schwierige Version ausprobieren möchten, welche, wie man ihnen mitteilte, eine tolle Lerngelegenheit bieten könne, oder ob sie mit der einfachen Version weitermachen möchten, welche einen ebenso niedrigen Schwierigkeitsgrad aufwies wie der IQ-Test zu Beginn und den Kindern versicherte, dass sie einen guten Job machen würden.

Entscheidung zwischen kurviger und gerader Strecke

67% der ersten Gruppe, welche nach dem ersten Test für ihre Intelligenz gelobt wurde, entschieden sich für die einfachere Testvariante. Bei der Gruppe, die Lob für ihre Anstrengung erhielten, entschieden dagegen 92% für den schwereren Test. Ein überraschend eindeutiges Ergebnis! Die Art, wie die Kinder im Anschluss an den Eingangstest gelobt wurden, hatte offensichtlich extrem starke Effekte auf die Risikowahl für den Anschlusstest. Wie lässt sich dieser Effekt erklären?

Carol Dweck skizziert es so: “Das Kind oder der Erwachsene hört: ‘Oh, du denkst, ich sei sehr clever und talentiert. Deswegen bewunderst du mich, deswegen schätzt du mich. Ich tue lieber nichts, was diese Einschätzung gefährden oder widerlegen könnte’. Folglich entwickeln diese Kinder ein Fixed Mindset, sie gehen auf Nummer sicher in zukünftigen Entscheidungen und verhindern damit die Weiterentwicklung ihres Talents.” [4]

Dritte Testphase

Der dritte Test, der den Teilnehmern vorgelegt wurde, hatte ein so hohes Anforderungsniveau, dass die Kinder die Aufgaben mit großer Wahrscheinlichkeit nicht lösen konnten. Dweck und ihre Kollegen wollten in dieser Testphase herausfinden, wie die zwei verschiedenen Teilnehmergruppen an jene Herausforderung herangehen würden. Es zeigte sich, dass die erste Gruppe, welche intelligenz- bzw. fähigkeitsbezogenes Lob bekam, schnell frustriert war und die Bearbeitung des Tests früh aufgab. Die zweite Gruppe, die anstrengungsbezogenes Lob erhielt, zeigte in diesem Test eine signifikant höhere Anstrengungsbereitschaft sowie -ausdauer und hatte weiterhin mehr Spaß an der Bearbeitung des Tests als die andere Gruppe. Zudem gab die zweite Gruppe an, auch zu Hause mit solchen Aufgaben arbeiten zu wollen, während die erste Gruppe wenig bis kein weiterführendes Interesse zeigte.

Vierte Testphase

Der finale Test für die Studienteilnehmer ähnelte in Aufbau und Schwierigkeitsgrad stark dem einfachen Test zu Beginn. Die Leistungen dieser letzten Testphase wurden anschließend mit denen des ersten Tests verglichen und die finalen Ergebnisse fielen erneut überraschend aussagekräftig aus: Die durchschnittliche Leistung der Gruppe, die im Vorfeld für ihre Intelligenz gelobt wurde, sankt im Vergleich zum ersten Test um 20 Prozent. Das mittlere Leistungsniveau der zweiten, für ihre Anstrengung gelobten Gruppe, stieg dagegen um ganze 30 Prozent an. Das ist ein Leistungsunterschied von beträchtlichen 50 Prozent, der im unmittelbaren Zusammenhang mit unterschiedlichen Arten von Rückmeldungen und Lob zu stehen scheint.

Fazit

Die Erkenntnisse aus der Mindset-Forschung zeigen in aller Deutlichkeit, dass Motivation und Erfolg beeinflussbar sind. Und sie verdeutlichen die Macht, die Rückmeldungen über unsere Leistungen für zukünftige Erfolge oder Misserfolge haben können.

Hände halten verschiedene Feedback-Karten hoch

Loben wir jemanden für sein Talent, seine Fähigkeiten oder seine Intelligenz, sorgen wir womöglich dafür, dass unser Gegenüber einen suboptimalen Lernweg einschlägt. Ein solches Lob kann unmittelbar zu einer Leistungszielorientierung führen, die nicht mehr unsere eigene Entwicklung im Fokus hat, sondern lediglich darauf bedacht ist, ‘irgendwie durchzukommen’ und bloß nicht negativ aufzufallen. Dadurch verliert sich der Blick für neue Lernchancen sowie der Mut, sich Herausforderungen zu stellen. Und die größte Gefahr, die von fähigkeitsbezogenem Lob ausgeht, scheint die unmittelbare Mündung in eine unrealistische Zielsetzung und Selbsteinschätzung zu sein. Diese kann mitunter negative Gefühle von Hilflosigkeit und Verzweiflung (“Ich werde das nie schaffen!”) sowie von Resignation und depressiver Verstimmung (“Alles, was ich tue, ist ohnehin sinnlos, wozu überhaupt versuchen?”) begünstigen. Eine Person, die diese Art zu denken verinnerlicht hat, wird schnell zur Hauptfigur einer selbsterfüllenden Prophezeiung.

Führen wir die Erfolge oder Misserfolge allerdings auf Bemühung, Anstrengung und Hingabe zurück, können wir daraus offensichtlich ungeahntes Potenzial schöpfen, welches auch außerhalb von schulischen oder beruflichen Lernprozessen zum Tragen kommt.

Möge die Macht mit uns sein…

Die Macht der Wortwahl und Attributionen obliegt im Grunde genommen jeder einzelnen Person auf dieser Welt. Speziell für Kinder sind die Forschungserkenntnisse natürlich von besonderer Relevanz. Ihre Schulleistungen und -erfolge entscheiden maßgeblich über ihre weitere Entwicklung im Leben und bestimmen schon in jungen Jahren über Zukunftsperspektiven. Ein Growth Mindset sollte sich so früh wie möglich entwickeln können und die Weichen dafür müssen frühzeitig gestellt werden. Der massive Einfluss der Mindsets betrifft Motivation, Willenskraft und Durchhaltevermögen – Attribute, die nicht nur während der Schullaufbahn einen hohen Stellenwert besitzen, sondern weit darüber hinaus.

Gehirn wird wie ein Baum gegossen

Doch nicht nur Lehrkräfte, Pädagogen und Eltern müssen mit dieser Feedback-Macht verantwortungsvoll umgehen. Nicht nur Personen, die in ihrem Beruf anderen Personen Rückmeldungen geben und dadurch signifikant die Leistungsentwicklung der Mitarbeiter beeinflussen können. Wir alle tragen eine implizite Verantwortung für die Entwicklung unserer Mitmenschen und wir alle tragen sie explizit für unsere eigene Entwicklung. Jeder ist sich selbst am nächsten und wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht – so sagt man. Kein schlechter Ansatz für die selbstständige Förderung einer positiven, geistigen Entwicklung.

Wie können wir die Entwicklung von Growth Mindsets nun konkret fördern?

Förderungsmöglichkeiten

Der Mindset-Forschung zufolge ist ein Growth Mindset erstrebenswert, da es die optimale motivationale Basis für jegliche Lernprozesse bildet und zusätzlich die Chance auf langfristiges Lerninteresse erhöht. Und dieses Interesse ist wiederum der Dreh- und Angelpunkt für unsere zukünftige Motivation und Willenskraft. Unsere Überzeugungen, welche in stetigem Kontakt mit unserem Selbstkonzept stehen, entwickeln sich aus verschiedenen unterbewussten Eindrücken und schlagen teilweise tiefe Wurzeln. Das erschwert eine aktive Einflussnahme erheblich, macht sie aber nicht unmöglich. Ein paar wertvolle Maßnahmen lassen sich aus der Mindset-Studie von Dweck et al. schlussfolgern, um ein positives Selbstkonzept und somit ein Growth Mindset zu fördern.

Selbstreflexion - Figur im Spiegel

Selbstreflexion

Sich selbst beobachten – leichter gesagt als getan. Das regelmäßige und kritische Reflektieren eigener Ansichten, Handlungen und Vorurteile legt den Grundstein für unsere persönliche Weiterentwicklung. Mache dir klar, welche Mindsets du selbst in unterschiedlichen Bereichen entwickelt hast und versuche, diese verwurzelten Einstellungen aufzuspalten und gegebenenfalls zu überarbeiten. Eine solche Selbstanalyse ist jedoch immer subjektiv getrübt, wechselhaft und garantiert nicht, dass daraus gewonnene Erkenntnisse auch in die Tat umgesetzt werden (können). Dennoch demonstriert eine stetige Selbstreflexion den Glauben an Veränderung und Entwicklung, welcher für das Ziel eines Growth Mindsets Voraussetzung ist.

Richtig loben, um auf richtiges Lob bestehen zu können

Ja, auch positive Rückmeldungen können Schaden anrichten, wenn sie ‘falsch’ formuliert werden oder sich auf die ‘falschen’ Eigenschaften beziehen. Das zeigte die Mindset-Forschung von Carol Dweck in überraschender Deutlichkeit. Die Verhaltenspsychologie rät dazu, Lob und Tadel sehr sparsam einzusetzen und eher auf informelles, sachliches Feedback zurückzugreifen. Wenn du ein Lob aussprechen möchtest, solltest du dich dabei möglichst nicht auf die Fähigkeiten des Gegenübers beziehen, sondern auf seine Anstrengung. Übernimm diese Form der Rückmeldung gleichermaßen für dich selbst. Führe deine eigenen Erfolge und Misserfolge nicht auf innere Unzulänglichkeiten deiner eigenen (kognitiven) Fähigkeiten zurück, sondern auf deine Vorbereitung und dein Engagement. Und habe den Mut, auf ein solch reflektiertes Feedback zu bestehen.

Vergleiche dich öfter mit dir selbst

Soziale Vergleiche, bei welchen wir unsere Wertvorstellungen, Leistungen und Verhaltensweisen mit denen unserer Mitmenschen vergleichen, sind ebenso wichtig für die Entwicklung unseres Selbstkonzepts wie individuelle Vergleiche, da sie uns die Identifikation mit und Abgrenzung zu anderen Menschen ermöglichen. Lass die Vergleiche mit anderen Menschen jedoch nicht dein Selbstbild dominieren, denn das führt zu unrealistischen Erwartungshaltungen und erhöht damit unweigerlich die Wahrscheinlichkeit auf Misserfolge. Fokussiere stattdessen öfter deine persönliche Entwicklung. Denke an dich selbst vor einem Jahr – wie hast du dich seitdem in unterschiedlichen Bereichen entwickelt? Wo siehst du (positive) Veränderungen bei dir selbst?

Fehler willkommen heißen

Fehler haben zu Unrecht einen schlechten Ruf. Jeder Lerner ist erpicht darauf, sie zu vermeiden. Dabei sind Fehler sozusagen die Voraussetzung für langfristiges, tiefgreifendes Lernen. Erst durch erfahrbaren Irrtum können wir unsere Fehlannahmen erkennen, revidieren oder aktualisieren. Einige der großen Erfindungen der Menschheit sind durch die Problemlösestrategie des Trial and Error (Versuch und Irrtum) entstanden. Fehler teilen uns unmittelbar mit, ob wir den richtigen Weg eingeschlagen haben oder gegebenenfalls die Richtung wechseln müssen. Eine Analyse unserer Fehler hilft, ähnliche Fehler in der Zukunft zu vermeiden. Zusätzlich kann die Überwindung von Fehlern das eigene Kompetenzerleben und Selbstwirksamkeit fördern. Fehler sollten demnach als Lerngelegenheiten wahrgenommen werden – als Notwendigkeit für effektive Lernprozesse.

Informiere dich über die Plastizität unseres Gehirns

Illustration: Das Gehirn wachsen lassenUnterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Vorstellungen über die Veränderbarkeit von Intelligenz und Fähigkeiten. Um sich mit dem Gedanken der Veränderbarkeit und somit des Growth Mindsets anzufreunden, empfiehlt sich ein Blick in die neurobiologischen Rahmenbedingungen unseres Gehirns. Nach den behavioristischen und kognitionspsychologischen Theorien über das Lernen folgte die neurobiologische Lerntheorie, welche um das Jahr 2000 und bis heute große Beachtung fand. Sie bezeichnet Lernen nicht mehr nur als Änderung des Verhaltenspotentials, sondern als medizinisch belegbare Veränderung neuronaler Verbindungen. Neurowissenschaftler sprechen hier von “Plastizität” [5]. Das ist die Eigenschaft, die unser Gehirn dazu befähigt, sich lebenslang an Umweltbedingungen und Reize anzupassen und sich von eventuellen Schädigungen zu erholen.

Unser Gehirn ist flexibel, formbar und anpassungsfähig. Das betrifft sowohl einzelne Synapsen und Nervenzellen als auch ganze Hirnareale, welche Persönlichkeits- oder Verhaltensänderungen mit sich bringen können. Es gibt Studien (z.B. vom Intelligenzforscher Siegfried Lehrl), die belegen, dass der IQ von Schulkindern in den Sommerferien sinkt. Das gilt nicht nur für Schulkinder: Wenn du dich in einem dreiwöchigen Strandurlaub der puren Faulenzerei hingegeben hast, könnte dein IQ um etwa 20 Punkte gesunken sein [6]. Das muss dir jedoch keine Angst einjagen, denn diese und ähnliche Forschungserkenntnisse liefern weitere Bestätigungen für die Veränderbarkeit von Intelligenz. Du kannst dein vorheriges IQ-Level also auch wieder erreichen, wenn du Körper und Gehirn wieder mehr beanspruchst. Sowohl psychische als auch physische Monotonie und Langeweile kann zur Schwächung unserer Synapsenverbindungen sorgen, da bestimmte Verbindungen und Hirnareale über eine längere Zeit nicht aktiviert und damit weniger durchblutet werden. Unser Gehirn möchte mit Abwechslung gefüttert werden! Nimm zum Beispiel morgen einfach mal einen anderen Weg zur Arbeit oder koche dich mit landestypischen Gerichten durch die Weltkarte. Lass dich auf die Ideen und Vorgehensweisen anderer Leute ein und wage vielfältige Perspektivwechsel!

Selbstwirksamkeit wahrnehmen

Nach der Selbstbestimmungstheorie der amerikanischen Wissenschaftler Edward Deci und Richard Ryan [7] gibt es drei grundlegende menschliche Bedürfnisse, die für das Erlangen eines gesunden Selbstkonzepts von Wichtigkeit sind: das Erleben von Autonomie, eigener Kompetenz und sozialer Eingebundenheit. Geben wir uns und anderen die Chance, jene Bedürfnisse zu erfüllen, erfahren wir Selbstwirksamkeit. Je öfter wir wahrnehmen, dass wir mit unseren Ideen und Handlungen etwas bewirken können, desto stärker manifestiert sich die unmittelbare Verbindung zwischen eigenen Taten und deren Konsequenzen in unseren Köpfen. So sind wir eher in der Lage, bestimmte Ereignisse auf unser Verhalten zurückzuführen und zu erkennen, dass Lernen ein selbstverantwortlicher Prozess ist, den wir selbst in der Hand haben und steuern können. Bei der Wahrnehmung von Selbstwirksamkeit ist es zunächst unwichtig, wie wir etwas meistern. Wichtig ist, dass wir etwas meistern und die Konsequenz oder das Ergebnis unseres Handelns erkennen können. Beispielsweise wirkt sich das selbstständige Stecken und sukzessive Abhaken kleiner Tagesziele auf der Todo-Liste förderlich auf unsere Selbstwirksamkeit aus. Oder eine praktische Erfahrung als Leiter einer kleinen Arbeitsgruppe (egal ob Schule oder Büro), durch welche man soziale Eingebundenheit mit dem Erleben der eigenen Kompetenz verbinden kann.

Schlusswort

Halten wir fest: Unsere Psyche ist ein mächtiges Werkzeug und kann von uns und anderen stellenweise stark beeinflusst werden. Einige der Prozesse, die auf unsere Motivation, Leistung und Erfolgswahrscheinlichkeit wirken, können wir tatsächlich kontrollieren. Intelligenz ist keine statische Größe und entwickelt sich kontinuierlich mit dem, was wir aufnehmen (wollen) und wie wir damit umgehen. Die Forschung suggeriert, dass wir den Glauben an unsere eigene Entwicklung ernst nehmen und uns nicht auf unseren bisherigen Leistungen ausruhen sollten. Also glaube an dich selbst!

Mann hört sich selbst mit Stethoskop abAllerdings darf man aus den genannten Forschungserkenntnissen nicht schließen, dass jeder ausnahmslos alles lernen kann. Eine 1,50 Meter große Person wird wahrscheinlich nie so gut im Hochsprung sein wie die 1,90 Meter große Konkurrenz. Manchmal sind es biologisch determinierte oder nur in minimalem Spektrum veränderbare Bedingungen, die uns die positive Entwicklung unserer Fähigkeiten ab einem gewissen Punkt versagen – selbst, wenn wir harte Arbeit in die Entwicklung einzelner Fähigkeiten investiert haben.

Der große Knackpunkt ist: Jeder sollte eine realistische Selbsteinschätzung entwickeln können. Jeder sollte die Chance haben, seine eigenen Stärken und Schwächen identifizieren zu können und mit diesen angemessen umzugehen. Es ist grundsätzlich nie falsch, wenn wir uns an etwas heranwagen, das wir noch nicht können oder wovor wir Angst haben. Probieren ging schon immer über studieren. Haben wir allerdings gelernt, unsere Leistungen und Selbstbewertungen angemessen zu reflektieren und noch dazu das Wissen parat, dass wir Unwissenheit oder Unfähigkeit nicht allein auf angeborene Wesenszüge zurückführen können und sollten, ist der Weg zu einer realistischen Selbsteinschätzung weitestgehend geebnet. Und diese Fähigkeit ist unbezahlbar für die Ausbildung eines gesunden, positiven Selbstkonzepts. Sie schützt vor Versagensängsten, Hilflosigkeit, Resignation und Demotivation. Sie schützt unsere Persönlichkeit vor Stillstand.

 

Quellen:

[1] Pharmazeutische Zeitung (2007): Placeboeffekt – Die Heilkraft des Nichts

[2] Prof. Dr. Bettina Hannover (2017/18): Vorlesung zur Lernförderung und -motivation. Freie Universität Berlin, Institut für Erziehungswissenschaften und Psychologie.

[3] Herbert W. Marsh, Rhonda G. Craven (2006): Reciprocal Effects of Self-Concept and Performance From a Multidimensional Perspective: Beyond Seductive Pleasure and Unidimensional Perspectives.

[4] Video-Zusammenfassung der Mindset-Studie (2014)

[5] Max Planck Institut (2010): Neuronale Plastizität

[6] Siegfried Lehrl im Interview (2000)

[7] Deci und Ryan (1993): Die Selbstbestimmungstheorie der Motivation und ihre Bedeutung für die Pädagogik. Zeitschrift für Pädagogik, Heft 2