Handlungsorientierter Unterricht ist – vereinfacht gesagt – Unterricht, der sich an den Handlungen der Lernenden orientiert und ihre Handlungsprodukte in den Fokus stellt. Was das für Lehrkräfte und ihre Lerngruppen genau bedeutet, warum handlungsorientiertes Lernen in allen Fächern Beachtung finden sollte und wie ein exemplarischer Unterrichtsverlauf aussehen könnte, wird in diesem Artikel näher unter die Lupe genommen.

Was ist handlungsorientierter Unterricht?

Wie das Projektlernen oder der Frontalunterricht gilt handlungsorientierter Unterricht oder handlungsorientiertes Lernen als eine Unterrichtsform unter vielen anderen Formen. Der charakteristische Kern des handlungsorientierten Unterrichts ist das Erarbeiten eines Handlungsprodukts, welches für gewöhnlich innerhalb von interaktiven Sozialformen mit anderen Lernenden projektartig entwickelt und präsentiert werden soll. 

Das jeweilige Handlungsprodukt wird – meist von der Lehrkraft – vorab definiert und gemeinsam mit der Lerngruppe eingegrenzt, ergänzt und/ oder weiterentwickelt, bevor es in eigenverantwortlicher Partner- oder Gruppenarbeit kreiert wird. So ziemlich jede Form der Ergebnisdarstellung kann als Handlungsprodukt definiert und je nach Unterrichtsfach individuell angepasst werden. Dazu gehören beispielsweise:

Reden, Plakate, Protokolle, Portfolios, Tafelbilder, Schaubilder, Modelle, Mindmaps, Broschüren, Websites, Lapbooks, Infoblätter, Comics, Collagen, Ausstellungen, Videos, Lieder, Gedichte, Rollenspiele, Skripte, Interviews, Powerpoint-Präsentationen, Online-Ordner mit Ergebniszusammenstellungen, Emails, Blogeinträge mit eigenen Bildern, Tweets mit 280 Zeichen, … 

verschiedene Handlungsprodukte im Unterricht

Das vereinbarte Handlungsprodukt gibt in seiner Form (Umfang und Beanspruchung) die Struktur des Unterrichts vor und soll ganzheitliches Lernen ermöglichen, sodass Lernende im Arbeitsprozess viele Verbindungen zwischen Kognition, Emotion und Motorik bzw. zwischen Kopf, Herz und Hand erfahren können. 

Zentrales didaktisches Element ist beim handlungsorientierten Lernen der Lebensweltbezug zur Lerngruppe. Unterrichtsinhalte bzw. Problemstellungen und Handlungsprodukte sollten an Themen und Situationen der aktuellen Lebenswelt der Lernenden orientiert sein, um den Grundsätzen des bewussten, zielgerichteten Tuns sowie der aktiven, konstruktiven und zielorientierten Bearbeitung von Lerninhalten gerecht werden zu können.

Merkmale des Unterrichtskonzepts

GANZHEITLICH 

  • Lernen geschieht mit Kopf, Herz und allen Sinnen (kognitiv, sozial und emotional)
  • learning by doing
  • Lernende führen vollständige Handlungen aus (wird weiter unten erläutert)
  • Einbezug außerschulischer Lernorte
  • fächerübergreifend und -vernetzend
  • der Sinn des Lernens (Relevanz) wird deutlich

ZIELGRUPPENORIENTIERT

  • Lebensweltorientierung: Interessen der Lernenden als Ausgangspunkt 
  • Fokus auf Eigenaktivität und (Hilfe zur) Selbsttätigkeit
  • Lernende werden in die gesamte Planung und Durchführung einbezogen

KOOPERATIV

  • Lernende arbeiten gemeinsam an einem Projekt, interagieren aktiv miteinander, sprechen sich ab und unterstützen sich
  • Lernende tragen gemeinsam Verantwortung (positive Interdependenz)
  • soziale Kompetenzen werden trainiert

PROZESS- & PRODUKTORIENTIERT

  • gemeinsames Handeln steht im Mittelpunkt des Unterrichtsgeschehens (planen, diskutieren, durchführen, strukturieren, präsentieren, bewerten und evaluieren) 
  • aus Entscheidungen werden Handlungen, aus Skizzen werden Produkte
  • Lernende stellen ein geistiges oder materielles Handlungsprodukt her und präsentieren veröffentlichungsfähige Ergebnisse der Unterrichtsarbeit
  • Reflexion des Lernprozesses und -produkts ist verbindlicher Teil des Unterrichts

Entstehung und Existenzberechtigung

Aktuelle Ansätze wie kompetenzorientiertes, phänomenologisches, exploratives oder projektorientiertes Lernen sind allesamt eng mit handlungsorientiertem Lernen verbunden, da alle Ansätze die Eigenaktivität der Lernenden voraussetzen und ihr aktives Handeln – ausgehend von einer relevanten Problemstellung aus der Lebenswelt der Lernenden – ins Zentrum des Lernens stellen. Die Kernidee vom ganzheitlichen Lernen zieht sich durch viele pädagogische Konzepte und wurde bereits von Pädagogen wie Rousseau, Comenius oder Pestalozzi unterstützt. Aber warum?

Rousseau und Comenius

Zunächst, weil es an wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Lernpsychologie orientiert ist, die belegen, dass ganzheitliches und lebensweltorientiertes Lernen positive Effekte auf den langfristigen Lern- bzw. Kompetenzzuwachs erzielt (siehe unter anderem: Assoziatives Lernen, Mnemotechniken, Mindsets, Lernen mit allen Sinnen).

Weiterhin verlangen gesellschaftliche Entwicklungen und Globalisierungsprozesse nach universellen Lernmethoden, die es Lehrenden und Lernenden erlauben, den zu bearbeitenden Inhalt an realistische Anforderungen der Arbeitswelt anzupassen. Von zukünftigen Arbeitskräften wird erwartet, dass sie flexibel auf Veränderungen reagieren können, sich neues Wissen und neue Fähigkeiten selbstständig aneignen und kritisch mit Informationsmedien umgehen können. Zukunftsperspektiven werden vielseitiger und komplexer, sodass allgemeine Aspekte wie Argumentations-, Problemlöse- und Interaktionsfähigkeiten zentrale Schlüsselkompetenzen moderner Gesellschaften darstellen, die es unter Berücksichtigung aktueller Erkenntnisse der Lernpsychologie zu fördern gilt.  

Die Lernkonzepte und -methoden werden zudem an die aktuellen Lebensumstände und Erwartungen der Lernenden angepasst. Beispielsweise sorgt die immer stärkere Nutzung von Medien, deren Inhalte schnell und in schier endlosen Mengen verfügbar sind, unter anderem dafür, dass Lernende schneller gelangweilt oder abgelenkt sind, wenn sie nicht selbst aktiv werden können (Stichwort: Aufmerksamkeitsspanne).

Warum handlungsorientiert unterrichten?

Ein Unterricht, der das aktive und selbstbestimmte Handeln der Lernenden in den Vordergrund stellt, möchte vor allem Neugier und Motivation auf Seiten der Lernenden evozieren. Hierbei soll ein Lernprozess auf Augenhöhe möglich werden, bei welchem beide Seiten – Lehrkraft und Lerngruppe – voneinander profitieren. 

Dafür, dass Lernende

  • Verantwortung übernehmen,
  • selbstständig arbeiten,
  • eigene Ideen, Erfahrungen und Interessen einbringen,
  • Zusammenhänge zu anderen Lernbereichen herstellen,
  • mit allen Sinnen lernen,
  • einen Sinn in ihrem Handeln erkennen 
  • und mit anderen Prozesse erproben können,

…müssen Lehrkräfte 

  • den Lernenden etwas zutrauen,
  • vielseitig zu bearbeitende Problemstellungen anbieten,
  • beraten, unterstützen und begleiten,
  • Lernumwege zulassen,
  • sich an der Lebenswirklichkeit der Lernenden orientieren,
  • ganzheitliche Lernmethoden einüben, bereitstellen oder erarbeiten
  • und sich zu diesem Zweck bestenfalls mit dem Kollegium vernetzen.

Das oberste Ziel ist, nicht überraschend, die Handlungsfähigkeit. Handlungsfähig sind prinzipiell Menschen, die in der Lage sind, Herausforderungen des Alltags oder des Berufslebens selbstständig und eigenverantwortlich zu meistern. Doch welche Kompetenzen müssen dafür gefördert werden?

Handlungsorientierter Unterricht – Ablauf & Struktur

Für Sie als Lehrkraft läuft die Unterrichtsvorbereitung fast immer handlungsorientiert ab. Sie möchten Ihrer Lerngruppe etwas über Pflanzenzellen vermitteln? Dann müssen Sie zunächst überlegen, warum das Thema für Ihre Lerngruppe interessant und wertvoll sein könnte und wie Sie es schaffen, in den Heranwachsenden eine intrinsische Motivation zu wecken. Also recherchieren Sie vielleicht zunächst nach spannenden Fakten und Thesen in der Fachliteratur und im Internet und durchstöbern Ihren persönlichen Materialpool. Anschließend bereiten Sie die recherchierte Information und Ihr gesammeltes Wissen so auf, dass es didaktisch sinnvoll und adressatengerecht verarbeitet und verstanden werden kann. Handlungsorientierter Unterricht funktioniert nach dem gleichen Prinzip, nur, dass hier die Lernenden zu Lehrenden ihrer selbst werden (sollen). 

Selbstständigkeit im handlungsorientierten Unterricht

Die grobe Struktur handlungsorientierten Unterrichts besteht häufig aus vier aufeinanderfolgenden Handlungsschritten: 

  1. Einführung
  • Die Lehrkraft erläutert die Problemstellung.
  • Das Handlungsprodukt wird (gemeinsam) festgelegt.
  • Vorhandenes Arbeitsmaterial und Recherchemethoden werden besprochen.
  • Arbeitsgruppen werden gebildet.
  • (evt. als Starthilfe: Checklisten für Arbeitsgruppen zur Planung)
  1. Planung und Strukturierung des Vorhabens
  • Die Lernenden sprechen ihr Vorgehen in den Arbeitsgruppen ab.
  • Die Lernenden teilen Arbeitsbereiche und -material auf.
  • Die Lernenden legen gemeinsam nächste Schritte fest.
  • Die Lernenden setzen sich zeitliche und inhaltliche Ziele.
  1. Erarbeitung des Handlungsprodukts
  • Die Lernenden recherchieren eigenständig nach Informationen.
  • Die Lernenden tauschen sich über ihre jeweiligen Ergebnisse aus.
  • Die Lernenden erproben gemeinsam Lösungsansätze.
  • Die Lernenden konstruieren das Handlungsprodukt gemeinsam.
  • Die Lehrkraft steht jederzeit zur Beratung und Unterstützung zur Verfügung.
  1. Präsentation und Reflexion der Ergebnisse
  • Die Arbeitsgruppen stellen ihre Handlungsprodukte vor.
  • Ergebnisse und Arbeitsprozesse werden gemeinsam reflektiert.
  • Individuelle Ziele für die nächste Gruppenarbeit können gesetzt werden.

Dieser typische Unterrichtsverlauf zielt darauf ab, dass die Heranwachsenden lernen, vollständige Handlungen auszuführen – ähnlich, wie es im späteren Berufsleben von ihnen erwartet wird.  

Vollständige Handlungen im handlungsorientierten Unterricht

Die Rolle der Lehrkraft 

Die inhaltliche Verantwortung sowie die praktischen Aufgaben von Lehrkräften verlagern sich beim handlungsorientierten Lernen vorwiegend auf beratende und koordinierende Tätigkeiten. Lehrende stehen den Heranwachsenden bei ihren selbstständigen Arbeitsschritten in unterstützender und begleitender Funktion zur Seite und bieten fachliche sowie methodische Beratung für die einzelnen Arbeitsgruppen an. Die Befähigung zum selbstständigen Lernen steht dabei im Fokus. Das bedeutet auch, dass relevante Lern- und Arbeitsmethoden vorher mit der Lerngruppe ausgiebig eingeübt und regelmäßig evaluiert werden müssen, um einen reibungslosen und eigenständigen Ablauf zu ermöglichen.

Handlungsorientiertes Lernen

Da die Hauptaktivität von den Lernenden ausgehen soll, reduzieren sich zwar auf der einen Seite die praktischen Aufgaben für Lehrende während des Unterrichts, allerdings bedeutet das für Lehrkräfte auf der anderen Seite eine intensivere Vorbereitung des Unterrichtsmaterials, welches die selbstständige Wissensaneignung für alle Lernende ermöglichen und multiperspektivische Ansätze bieten soll. 

Die differenzierte Ausgestaltung einer relevanten Problemstellung und die Festlegung eines individualisierbaren Handlungsprodukts gehören zu den Kernaufgaben von Lehrenden, die handlungsorientiert arbeiten möchten. Das ist – je nach Fach, Thema und Lerngruppe – gar nicht so einfach. Auch deshalb ist die Kooperation und der Austausch innerhalb des Kollegiums für die Planung handlungsorientierten Lernens empfehlenswert.

Weiterhin sind die Lernenden auf ein informelles Feedback der Lehrkraft angewiesen, welche nicht nur für die Ergebnispräsentationen, sondern auch für die individuellen Lernprozesse einzelner Lernender während der Gruppenarbeiten gute Beobachtungsfähigkeiten unter Beweis stellen muss. Die Leistungsrückmeldung sollte dabei den gesamten Prozess berücksichtigen und die betreffenden Lernenden sowohl über ihre persönliche Lernentwicklung als auch über nächste Lernziele informieren. Doch wie verwandelt eine Lehrkraft ihre Notizen und individuellen Einschätzungen nun in handfeste Noten?

Leistungsbewertung im handlungsorientierten Unterricht

Da die Lernprozesse bei dieser Unterrichtsform besonders individuell und heterogen verlaufen können, stellt insbesondere die Leistungsbewertung eine komplexe Herausforderung für Lehrkräfte dar. Denn so ganzheitlich wie der Unterricht gestaltet war, sollte er auch bewertet werden. Um das zu realisieren, können Kompetenzraster sinnvoll sein, die von der Lehrkraft für jedes Kind einzeln ausgefüllt werden können, um die Beurteilung objektiver, fairer und vergleichbarer zu gestalten. Ein Muster für die allgemeine Kompetenzbewertung kann (mit Klick auf den orangenen Link) ganz einfach heruntergeladen und schon in der nächsten Unterrichtsstunde genutzt werden. 

Weil bei den Heranwachsenden die Fähigkeiten zur Selbstreflexion und realistischen Selbsteinschätzung gefördert werden sollen, bieten sich darüber hinaus Selbsteinschätzungsbögen für die Lerngruppe an. Hier können Lernende ihre eigenen Leistungen ehrlich bewerten und eine persönliche Noteneinschätzung formulieren, die von der Lehrkraft bei der Notenfindung berücksichtigt werden sollte. Auch hierfür können Sie einfach das Muster zur Selbsteinschätzung herunterladen und sofort verwenden. 

Um Lernenden die strukturierte Zusammenarbeit in Gruppen zu erleichtern, kann sich zusätzlich ein Logbuch für Teamsitzungen als hilfreich erweisen, das zusätzlich zur Lernprozessdokumentation dient. Darauf können Lernende wichtige Angaben (Datum, Themen, Verantwortlichkeiten und nächste Schritte) festhalten. 

Konkrete Ideen für den Unterricht

In der Theorie klingt das alles bisher ganz gut. Aber wie kann diese offene Lernform praktisch umgesetzt werden? Um geeignete Ideen zu finden, ist es sinnvoll, sich zuerst am Lebensweltbezug zu orientieren. Dazu muss die Lehrkraft ihre Lerngruppe bereits gut kennen, um beantworten zu können, was die Heranwachsenden aktuell interessiert.

  • Was beschäftigt Kinder und Jugendliche aktuell? → z.B. Klimawandel und Fridays for Future, Jugendsprache, Mode, Selbstdarstellung- und optimierung, Fake News, kulturelle Vielfalt, Diversität und Gleichberechtigung, Zukunftsperspektiven etc. 
  • Welche Medien konsumieren sie? → z.B. Instagram, YouTube, Tik Tok, Computerspiele, Filme, Bücher etc.
  • Welche Idole haben sie? → z.B. Musik-, Film- oder YouTube-Stars, persönliche Kontakte, fiktive Figuren etc.

Anschließend können die gefundenen Ideen an die Fächer oder Lernbereiche angepasst werden, woraus sich Handlungsprodukte ableiten lassen. Das Thema Klimawandel könnte beispielsweise fächerübergreifend in Deutsch, Kunst, Mathematik oder Sachunterricht (bzw. Geschichte, Geografie, Politik, Biologie, Physik und Chemie) behandelt werden.

  • Deutsch und Fremdsprachen: Sprüche für Plakate einer Fridays for Future Demonstration formulieren, Redebeiträge verfassen (dazu Fakten und evt. Vokabeln recherchieren), Slam-Texte schreiben und vortragen, Kernbotschaften in Tweets zusammenfassen, Reden von Greta Thunberg analysieren, ….
  • Kunst: Plakate und Banner für eine Demonstration gestalten, konsumkritische Collagen oder Skulpturen erstellen, Poster für klimaneutrales Verhalten erstellen, ….
  • Mathe: Graphen und Diagramme zum Klimawandel erstellen, Arithmetik und Prozentrechnung mit aktuellen Zahlen und Daten, Zukunftsprognosen berechnen, ….
  • Geschichte und Geographie: Klimaentwicklungen und Durchschnittstemperaturen unterschiedlicher Zeitepochen erforschen, Konsequenzen des Klimawandels für unterschiedliche Länder und Klimazonen der Erde recherchieren, …. 
  • Biologie: Konsequenzen des Klimawandels für die Pflanzen- und Tierwelt erforschen, Ideen zum Erhalt der Artenvielfalt entwickeln, Bodenproben nehmen, Müll sammeln und auf biologische Abbaufähigkeit untersuchen, ….
  • Politik: Deutschlands Rolle im Klimawandel diskutieren, Klimapolitik in verschiedenen Ländern erforschen, Argumentationsstrategien von Klimaleugnenden analysieren, Projekte zur Nachhaltigkeit entwickeln, Interviews mit Politikerinnen und Politikern untersuchen (z.B. mithilfe des YouTube-Kanals “Jung & Naiv” von Tilo Jung), …. 
  • Physik: Modelle zum Treibhauseffekt bauen, Temperatur-Experimente zur Erderwärmung durchführen, Ideen zur Nutzung von Sonnenenergie entwerfen, ….
  • Chemie: Effekte von CO2 nachweisen, klimaschädliche Stoffe untersuchen, Chemtrail-Verschwörungstheorien wissenschaftlich prüfen, ….

Klimawandel handlungsorientiert Unterrichten

Wurden Problemstellung, Fach und Handlungsprodukt definiert, kann mit der Materialvorbereitung begonnen werden. Welche Informationen und Handlungsanweisungen braucht die Lerngruppe als “Startkapital”? Mit welchen Medien können die Lernenden eigenständig recherchieren? Nutzen Sie für die Vorbereitung auch die von der Lerngruppe aktuell genutzten Medienplattformen und suchen Sie dort nach Angeboten und Informationen, die für die Gruppenarbeit nützlich sein können. So können die Heranwachsenden im “gewohnten Umfeld” recherchieren und lernen, ihre ohnehin genutzten Medienangebote auch für schulische Lernzwecke zu nutzen. Für das Thema Klimawandel im handlungsorientierten Unterricht wären beispielsweise folgende Infomaterialien interessant:

  • aktuelle Statistiken, Daten, Zahlen und Fakten (übersichtliche Darstellungen)
  • Zeitungsartikel und Nachrichtensendungen
  • Dokumentationen und Forschungsberichte
  • Podcasts und YouTube-Videos
  • Modelle und kritische Kunst
  • externe Lernorte: Demonstrationen, Museen, Botanischer Garten, Planetarium, themenspezifische Workshops in der Umgebung, Zukunftslabore, ….

Grenzen und Kritik

Unter anderem die recht arbeitsintensive Vorbereitung, eventuelle Ressourcenknappheit und die herausfordernde Bewertungssituation machen den handlungsorientierten Unterricht leider häufig zu einer Randerscheinung im realen Schulalltag. Lehrkräfte müssen zunächst viel Zeit, Organisationskraft und Material in diese Form des Unterrichts investieren, um gewisse Abläufe zu etablieren und Lernprozesse für alle Beteiligten fruchtbar gestalten zu können. Das beansprucht oft Zeit, Kraft und Materialien, die nicht zur Verfügung stehen und eine explizite Beanspruchung von Freiraum benötigen. Das kann und sollte wiederum nur in Teams geschehen, weshalb die regelmäßige und verlässliche Absprache im Kollegium eine weitere mögliche Hürde im hektischen Schulalltag darstellt.  

Gestresste Lehrkraft

Das Lernkonzept ist insgesamt recht idealistisch gedacht. Von Lernenden wird erwartet, dass sie sich als kompetent handelnde Individuen innerhalb von heterogenen sozialen Gruppen selbstständig weiterentwickeln – eine Fähigkeit, die viele Erwachsene noch nicht ausreichend beherrschen, wie Sie sicher aus eigener Erfahrung berichten können. Von Lehrkräften wird wiederum erwartet, inhaltlich flexiblen Unterricht vorzubereiten (ein Paradoxon), die didaktische Leitung weitestgehend an die Heranwachsenden abzugeben und trotzdem sicherzustellen, dass vorgegebene Lernziele erreicht werden. 

Weiterhin können stark heterogene Vorkenntnisse der Mitglieder innerhalb der Arbeitsgruppen das Voranschreiten der Projekte behindern, da handlungsorientierter Unterricht auch von schwächeren Schülerinnen und Schülern eine starke Eigenaktivität erwartet, die sie teilweise nicht aufbringen können. Um diesen Lernenden eine eigenständige Problembewältigung zu ermöglichen, muss der Praxis wiederum eine intensive und sprachsensible Materialvorbereitung vorausgehen (klar und einfach formulierte Arbeitsaufträge, Hilfestellungen, Checklisten, komplexitätsreduzierte Texte etc.), was die hohen Ansprüche an Unterrichtende erneut unterstreicht.

Nichtsdestotrotz…

… lohnt sich die Mühe! Alles andere wäre nach dem langen Text auch enttäuschend. Würde handlungsorientierter Unterricht keine nennenswerten Erfolge erzielen, hätte es das Konzept nicht so weit gebracht. Sowohl für Lernende als auch für pädagogische Fachkräfte kann handlungsorientierter Unterricht eine Chance zur individuellen Weiterentwicklung darstellen, sobald bestimmte Rahmenbedingungen geschaffen wurden. Dazu gehört neben einer verlässlichen Teamarbeit im Kollegium auch ein geduldiges Methodentraining innerhalb der Lerngruppen sowie die Aufbereitung und Bereitstellung differenzierten Lernmaterials und vielfältigen medialen Angeboten. 

Je mehr Erfahrung Sie und Ihre Lerngruppe mit dem Unterrichtskonzept haben, desto eigenständiger und reichhaltiger können die Lernprozesse verlaufen und desto tiefer verankert sich neues Wissen und Können. Und ganz nebenbei wird die emotionale Beziehung zwischen Ihnen und den Lernenden gestärkt, da Sie Ihren Schützlingen fast ausschließlich auf Augenhöhe begegnen und einen besonderen Einblick in ihre ganz persönlichen Konstruktionsprozesse erhalten. Und eine gute Beziehung ist – das kann keine Lehrkraft bestreiten – die Grundlage für alles, was geschah, geschieht und geschehen wird.

 

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Autorin: Carla

Als Lehramtsanwärterin arbeite ich an einer Berliner Grundschule und verfasse seit 2018 regelmäßig Artikel für das Magazin für Lehrkräfte sowie das phase6 Magazin. Dort widme ich mich mit besonderer Vorliebe spannenden Themen der pädagogischen Psychologie in Theorie und Praxis. In meinen aktuellen Erfahrungsberichten zum Referendariat erzähle ich in von den Höhen und Tiefen des schulischen Alltags als angehende Lehrkraft und teile hilfreiche Ratschläge und Tipps von erfahrenen Fachkräften und Seminarleitenden.